Wer mit Verstopfung zum Arzt geht und dort die Diagnose Reizdarm bekommt, hört meistens drei Dinge: mehr trinken, mehr Ballaststoffe, weniger Stress. Wenn das nicht wirkt, gibt es Abführmittel. Was in aller Regel nicht passiert, ist die Frage, warum der Darm überhaupt langsamer geworden ist.
Dabei gibt es darauf eine Antwort, die sich messen lässt.
Was Methan im Darm anrichtet
Bei jeder bakteriellen Vergärung im Darm entsteht Wasserstoff. Bestimmte Mikroorganismen leben davon, diesen Wasserstoff aufzunehmen und daraus Methan zu bilden. Streng genommen sind das keine Bakterien, sondern Archaeen, eine eigene Domäne des Lebens. Der wichtigste Vertreter heißt Methanobrevibacter smithii.
Methan ist dabei nicht nur ein Abfallgas. Es wirkt auf die glatte Muskulatur der Darmwand und verlangsamt die Weiterbewegung des Darminhalts. Damit entsteht ein Kreislauf, der sich selbst am Laufen hält: Der Inhalt bleibt länger liegen, wird dadurch länger vergoren, es entsteht mehr Wasserstoff, daraus mehr Methan, und der Transport wird weiter gebremst.
Aus diesem einen Mechanismus folgen beide Leitsymptome. Der Stuhl wird hart und selten, weil ihm bei langer Verweildauer im Dickdarm immer mehr Wasser entzogen wird. Und der Bauch wird über den Tag praller, weil die Gasproduktion weiterläuft, während der Abtransport stockt. Menschen beschreiben das oft so: morgens flach, abends wie im sechsten Monat.
Warum das nicht mehr Methan-SIBO heißt
Früher lief das unter SIBO mit Methanbildung. Der Begriff wurde aus zwei Gründen ersetzt. Erstens sind Methanbildner keine Bakterien, das Kürzel SIBO für bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung passte also von vornherein nicht. Zweitens sitzen sie nicht nur im Dünndarm, sondern auch im Dickdarm. Deshalb spricht man heute von IMO, intestinaler Methanogen-Überwucherung.
Das ist keine Wortklauberei. Es hat praktische Folgen für den Test und dafür, wie man das Ergebnis liest.
Der Test, und was er falsch machen kann
Gemessen wird über einen Atemgastest. Du trinkst eine Zuckerlösung, und über zwei bis drei Stunden wird in regelmäßigen Abständen deine Atemluft analysiert. Entscheidend ist, dass das Gerät neben Wasserstoff auch Methan erfasst.
Bei Methan gilt eine andere Logik als bei Wasserstoff. Man sucht nicht nach einem Anstieg im Verlauf, sondern nach einem durchgehend erhöhten Wert. Als Schwelle wird in den gängigen Konsensempfehlungen ein Methanwert ab 10 ppm zu irgendeinem Zeitpunkt der Messung herangezogen, unabhängig vom Wasserstoff.
Daraus folgt der wichtigste praktische Punkt dieses Artikels: Ein Test, der nur Wasserstoff misst, kann hier nicht nur nichts finden, er kann aktiv in die Irre führen. Weil Methanbildner den Wasserstoff verbrauchen, kann die Wasserstoffkurve flach bleiben, obwohl im Darm kräftig vergoren wird. Das Ergebnis lautet dann „unauffällig“, und der eigentliche Befund war nie im Bild. Wer einen Atemtest bestellt, sollte deshalb ausdrücklich prüfen, ob CH₄ mit gemessen wird.
Warum Ballaststoffe hier oft nicht helfen
Der Standardrat bei Verstopfung lautet, die Ballaststoffmenge zu erhöhen. Bei trägem Darm ohne Überwucherung ist das sinnvoll. Bei ausgeprägter Methanbildung passiert etwas anderes: Ballaststoffe sind Substrat für die Vergärung. Mehr Substrat bedeutet mehr Wasserstoff, mehr Wasserstoff bedeutet mehr Methan, und mehr Methan bedeutet noch langsameren Transport.
Wenn du das Gefühl kennst, dass Flohsamen, Kleie oder ein hoher Gemüseanteil deinen Bauch zwar füllen, aber nichts in Bewegung bringen, dann ist das kein Einbildungsproblem und auch kein Zeichen, dass du es nur nicht lange genug durchgehalten hast. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Reihenfolge nicht stimmt.
Das heißt nicht, dass Ballaststoffe grundsätzlich schaden. Es heißt, dass sie in diesem Bild an eine spätere Stelle gehören, nämlich dann, wenn die Überwucherung reduziert und die Motilität wieder in Gang gekommen ist.
Was zuerst geklärt gehört
Eine Überwucherung entsteht nicht ohne Grund. Der Darm hat einen eigenen Reinigungsrhythmus, der zwischen den Mahlzeiten Reste weiterschiebt. Läuft dieser Rhythmus nicht, sammelt sich an, wovon Mikroorganismen leben. Häufige Bremsen dafür sind eine Schilddrüsenunterfunktion, bestimmte Medikamente, eine Fehlregulation über den Vagusnerv und permanentes Zwischendurchessen, das dem Rhythmus keine Pause lässt.
Deshalb lohnt es sich, zwei Dinge parallel zu klären: ob Methan tatsächlich erhöht ist, und was den Antrieb bremst. Die medikamentöse Behandlung einer nachgewiesenen Überwucherung gehört in ärztliche Hand. Was du unabhängig davon beeinflussen kannst, sind Essabstände, der Umgang mit Ballaststoffen und die Unterstützung der Motilität. Genau an dieser Reihenfolge scheitern die meisten Anläufe, nicht an einzelnen Mitteln.
Verstopfung ist kein Stressproblem.
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